Wegklatschen. Applaus für Bonnie & Clyde (UA)

von Sergej Gößner | Uraufführung | Niederländisch-deutscher Kinder- und Jugendtheaterpreis | Thalia Theater Halle | Premiere: 08.11.2019

Fünf junge Menschen sind wütend. Sie beobachten, wie zunehmend Rechtsextreme, Neonazis und Identitäre an öffentlicher Präsenz gewinnen, den gesellschaftlichen Diskurs diktieren und Fremdenfeindlichkeit, Hass und Angst verbreiten. Erschüttert nehmen sie die Ohnmacht der gesellschaftlichen Mitte und des Staates wahr und wollen dem Erstarken der nationalen Kräfte und der sich einschleichenden Verdrängung des historischen Bewusstseins nicht länger tatenlos zusehen. Sie organisieren sich, schließen sich zu einer Gruppe zusammen und beginnen dem Hass auf phantasievolle und humorvolle Weise entgegenzutreten.

Eingebettet in eine Verhörsituation thematisiert Sergej Gößner die Dynamiken und Herausforderungen einer Gruppe junger Menschen, die das Richtige tun und ein verantwortungsvolles Miteinander vorleben möchten. Hierbei legt er Etappe für Etappe frei, wie die Protagonist*innen zunehmend größere Risiken eingehen, mit den eigenen Vorsätzen und selbst aufgestellten Regeln in Konflikt geraten und immer mehr Grenzen überschreiten, bis sie selbst beginnen, der Gewalt nicht nur entgegen zu treten, sondern sie selbst auszuüben.

Der Text dieser Uraufführung ist 2019 entstanden. Auf der Höhe der Zeit und aktueller politischer Ereignisse hat Sergej Gößner den Mythos von Bonnie und Clyde für das Thalia Theater Halle frei und überraschend neu interpretiert. So sind bei ihm nicht eine Wirtschaftskrise und Armut der Auslöser dafür, dass sich junge Menschen in einer Spirale der Gewalt verlieren, sondern ein gesellschaftspolitischer Wendepunkt, der alle betrifft, jeden und jede herausfordert, sich zu positionieren und die Notwendigkeit sowie die Mittel eines politischen Aktivwerdens und Handelns zu reflektieren. (Text: Bühnen Halle)

Regie: Grit Lukas
Bühne: Lena Schmid
Kostüm und Musik: Maren Kessler
Dramaturgie: Ronny Jakubaschk, Hauke Pockrandt

Leo: Marlene Tanczik
Mona: Sybille Kreß
Paul: Nils André Brünnig
Maik: Michael Ruchter
Tobi: Matthias Walther

Fotos: Anna Kolata (Bühnen Halle) & Lena Schmid

TRAILEr

PRESSE

Gößner nimmt eine Aktualisierung des Stoffes vor und bezieht ihn auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Schieflage. Diese Absicht unterstützt die Inszenierung von Grit Lukas in Halle, indem sie gekonnt die junge Greta-Generation auffängt und auf die Bühne bringt. […] Dabei halten die Regisseurin Grit Lukas und die Bühnenbildnerin Lena Schmid dem Publikum mehrere Spiegel vor. Sei es zu Beginn mithilfe eines silbernen Vorhangs oder durch die Spiegelungen des Bodens und der spiegelnden Wandplatten. Für die Bühne prägend ist auch ein Lichttunnel, der sich bis in die Tiefen des Bühnenraums erstreckt und dessen Potenzial trotz seiner Einfachheit komplett ausgenutzt wird. Maike Grabow, Die deutsche Bühne. 01/2020.

Eine doppelte Herausforderung für ein lebendiges Theater ist es, auch beim nachwachsenden Publikum zu landen. […] Mit Sergej Gößners neuem Stück „Wegklatschen – Applaus für Bonnie und Clyde“, das am Freitag in der Kammer des neuen theaters uraufgeführt wurde, ist das jedenfalls gelungen. Auch gemessen am johlenden Beifall des altersmäßig tatsächlich von der Zielgruppe „ab 13“ dominierten Publikums. Da stimmten Form und Inhalt! […] All das hat Regisseurin Grit Lukas in einer reichlichen Stunde mit anhaltender Spannung temporeich verdichtet. Zu einem Stück, das funktioniert und bei dem es um etwas geht. Ästhetisch modern, aber nicht als Selbstzweck der Mittel. Politisch deutlich, aber ohne didaktischen Zeigefinger. So geht Theater! Joachim Lange, staedtische-zeitung.de, 09.11.19. Link zum Artikel

Das Stück von Sergej Gößner, jetzt vom Thalia Theater Halle uraufgeführt, richtet sich an ein junges Publikum ab 13 Jahren und ist ebenso klug gebaut wie inszeniert: Die Verhörszenen kommen allein mit den Beschuldigten aus, zudem wechseln die Zeitebenen ständig. Das ist geschickt, weil es Tempo und Spannung bringt. Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung. 11.11.19.

Grit Lukas zeichnet sich als Regisseurin für die Uraufführung von Sergej Größners neuem Stück verantwortlich. Schon zu Beginn stehen die Protagonisten provokativ auf der Bühne, während die Zuschauer sich langsam setzen. Sie erzählen dann die Geschichte einer Gruppe junger Leute, die sich Hass und Gewalt in diesem Land entgegen stellen wollen und dabei selbst zu juristisch relevanten Mitteln greifen. […] Die kleine, engagierte Truppe spielt klare Vorgänge, erzählt die Geschichte mit guten theatralischen Mitteln. […] Nach dem wohlverdienten Schlussapplaus ein Statement der Schauspieler zur Situation heute nach den Ereignissen am 9. Oktober in Halle. Das klang sehr ehrlich und bewegend. Die fiktive Geschichte des Stückes will eine Debatte anstoßen über den Umgang mit rechtem Hass. In der Premiere saß eine Schulklasse, die im Anschluss sehr klug über die gesehene Geschichte geredet hat. Da kann man nur feststellen: Ziel erreicht. Halle-Spektrum.de, 09.11.19. Link zum Artikel.